Ein Abschied

Jetzt habe ich einen guten Monat nicht gebloggt. Es war einfach so viel Anderes wichtiger und ich hatte das Gefühl, meiner Zeit immer nur hinterher zu rennen. Daher habe ich mir erlaubt, diesen Blog hintenan zu stellen und mich nicht zu stressen, etwas schreiben zu müssen. Diese Woche merkte ich “Jetzt muss, aber vor allem WILL ich wieder” und ich hatte tausend Gedanken in meinem Kopf, worüber ich denn heute schreiben möchte. Und plötzlich ändert ein Telefonanruf alles und es spielt auf einmal gar keine Rolle mehr, was man eigentlich erzählen wollte.

Heute Morgen ist mein Stiefvater an seiner Krebserkrankung gestorben. Um 11:59 rief mich meine Mutter an, als ich gerade auf einem Netzwerktreffen war und sprach mir auf die Mailbox, dass mein Stiefvater nicht mehr lebt. Nun, es war abzusehen, denn er hatte wie gesagt Krebs und es war in dem Sinne keine Überraschung. Wir waren im Prinzip vorbereitet, aber wenn der Moment dann kommt, ist es doch ziemlich hart. Vor allem, wenn man schon mal jemanden an Krebs verloren hat: Mein Papa ist vor 10 Jahren ebenfalls an Krebs gestorben.

Nun war mein Stiefvater eben mein Stiefvater und nicht mein leiblicher Vater. Wir standen uns auch nicht so nahe, wie mein Vater und ich. Dennoch hat er mich einen Großteil meines Lebens begleitet und er war mir nicht unwichtig. Immerhin waren meine Mutter und er 27 oder 28 Jahre (die genaue Anzahl der Jahre weiß ich gerade nicht) zusammen (meine Eltern haben sich scheiden lassen, als ich ca. 6 war). Da wächst man schon zusammen, wenn man Urlaube gemeinsam verbringt, beim Singen und Gitarre spielen unbändigen Spaß zusammen hat, weil man Quatsch-Lieder singt und sogar eine Zeit zusammen unter einem Dach lebt. Und wenn dann noch eigene Kinder dazu kommen, für die er einfach nur der Opa ist (denen es ja vollkommen wurscht ist, ob es ihr leiblicher Opa ist oder nicht) und er sie auch einfach nur lieb hat, dann wächst man noch enger zusammen.

Nein, mein Stiefvater war nicht mein Vater und der Schmerz und die Trauer über seinen Verlust vor 10 Jahren hatte bzw. hat teilweise immer noch eine Qualität. Dennoch tut es weh, einen Menschen zu verlieren, der einem wichtig war, der einen auf seine Weise geprägt hat, der einen den Großteil des eigenen Lebens irgendwie begleitet hat, der einem tolle und wunderbare Erinnerungen beschert hat und der mit die wichtigste Person für die eigene Mutter war und ihr einfach gut getan hat.

Ich habe meinen Stiefvater immer akzeptiert. Auch er hatte wie jeder Mensch seine Fehler und es krachte auch schon mal, auch zwischen ihm und meiner Mutter. So ist das eben zwischen Menschen. Aber ich hatte nie, wie das oft bei Scheidungskindern so ist, einen Groll oder sonst etwas gegen ihn, weil er nicht mein Vater war. Zwischen meinen Eltern hat es eben nicht sollen sein, aber dafür war mein Stiefvater eben der Anker im Leben meiner Mutter, der mein Vater nicht sein konnte. Warum hätte ich ihn ablehnen sollen? Das kam mir nie in den Sinn! Und so war er doch immer irgendwie wichtig für mich, auch wenn wir wie gesagt nie so eng miteinander waren wie mein Vater und ich.

Wie viel er mir bedeutet, habe ich gemerkt, als wir uns an Ostern voneinander verabschiedet haben. Wir wussten ja, dass er nicht mehr allzu lange leben würde (wobei es unklar war, ob es sich um Wochen, Monate oder nur noch Tage handelte) und entschieden uns deswegen, an Ostern gemeinsam als Familie zu ihm und meiner Mutter an die Ostsee zu fahren, wo sie die letzten Jahre gelebt haben. Es sollte tatsächlich das letzte Mal werden, dass wir uns gesehen und umarmt haben. Sein Blick, als er mir in die Augen schaute, traf mich tief ins Herz und unter Tränen verabschiedeten wir uns voneinander. Diesen Moment und seinen letzten Blick werde ich nie vergessen!

Was bleibt an so einem Tag? Die Erinnerungen an gemeinsame Zeiten und schöne Momente, die man miteinander verbracht hat. Mein Stiefvater war ein sehr humorvoller Mensch, der einfach mal Lieder lustig umgetextet hat und absolut witzige Geschichten aus seinem Leben erzählt hat, die einfach nur zum Brüllen waren. Mit seinen Kindern kam ich auch immer gut klar und zusammen waren wir eine Patchwork-Familie, die sich im Großen und Ganzen gut verstanden hat. Es bleibt aber auch noch was Gutes: So tragisch der Tod meines Stiefvaters ist, es gibt trotz allem einen positiven Aspekt. Denn meine Mutter hat entschieden, dass sie (entgegen ihres ursprünglichen Plans) doch nicht da oben an der Ostsee bleiben, sondern wieder zurück kommen möchte. Sie wäre also zukünftig wieder viel näher an uns dran und meine Kinder könnten leichter und schneller zu ihrer Oma fahren. Und ich könnte mich besser um meine Mutter kümmern und ihr nahe sein, denn sie wird ja auch nicht jünger.

Und ja, bei aller Tragik und Trauer: Es bleibt die Erleichterung, dass mein Stiefvater nun erlöst ist! Er wollte zuletzt nur noch sterben, denn er bekam bei vollem Bewusstsein mit, wie es mit ihm zu Ende ging. Er hatte wohl keine Schmerzen (dafür wurde gesorgt), aber lebenswert war dieser Zustand sicher nicht mehr. Somit war es das Beste, dass es sich nicht endlos in die Länge gezogen hat.

Wo immer er jetzt ist, wünsche ich ihm alles Gute, eine gute Reise und vielleicht begegnet ihm ja auch mein Papa irgendwo. Und da ich inzwischen durch meine Yogalehrerausbildung (darüber werde ich sicher bald mal berichten) sehr in die yogische Philosophie eingetaucht bin und auch ein Stück weit an deren Essenz glaube, tröstet mich der Gedanke, dass es lediglich die Hülle ist, die gestorben ist, aber nicht seine Seele. Und wie sagt man so schön: Man ist erst dann wirklich tot, wenn niemand mehr an einen denkt. Das wird nicht der Fall sein, denn es gibt viele Menschen, die sich noch lange an ihn erinnern werden.

RIP, Peter! Danke für die schönen Jahre und die schönen Zeiten, die wir zusammen hatten! Gute Reise!

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