Ich bin ein Mythos!

Vor einiger Zeit habe ich angefangen, regelmäßig Podcasts zu hören. Einer davon, den ich auch abonniert habe, ist der Podcast “Lerne Psychologie” von Matthias Niggehoff. Am Mittwoch flatterte eine neue Folge in meinen Stream mit dem Titel “Mythos Scannerpersönlichkeit”. Natürlich war ich sofort Feuer und Flamme und musste die Folge gleich mal auf meinem Mittagsspaziergang hören.

Ich fasse mal die wichtigsten getroffenen Aussagen zusammen (zum Teil mit wörtlichen Zitaten aus dem Podcast, die entsprechend markiert sind) und dann gebe ich meine eigene Sicht der Dinge dazu.

Matthias Niggehoff hat sich die aktuelle Studienlage zu Scannerpersönlichkeiten angeschaut und kommt zu dem Schluss, dass Scannerpersönlichkeiten nur ein Mythos sind, zumindest aus wissenschaftlicher Sicht. Er sagt allerdings, dass es Menschen gibt mit multiplen Interessen und diese sind aus psychologischer Sicht eine sog. “komplexe Persönlichkeit”. Komplexe Persönlichkeit bedeutet, diese Person “hat verschiedene Schutzfaktoren im Alltag. Denn, wenn jetzt z.B. im Bereich Fußballspielen (…), wenn es da mal schief läuft, dann kann die das kompensieren über andere Bereiche, die sie auch interessieren.” 

Auch wenn Matthias Niggehoff Scannerpersönlichkeiten wie gesagt als Mythos sieht, erklärt er dennoch ausführlich, was diesen Persönlichkeitstyp ausmacht:

  • fängt alles an und macht nichts richtig (was gerade im Bereich Business und Unternehmertum fatal ist) bzw. ist meist nicht in der Lage, Dinge zu Ende zu bringen.
  • Eine Scannerpersönlichkeit scannt – wie der Name auch schon sagt – viele Bereiche, die sie potentiell interessant findet. Im Bereich der Persönlichkeitsanalyse der “Big Five” haben Scannerpersönlichkeiten einen sehr hohen Wert im Bereich “Offenheit für neue Erfahrungen”. Scannerpersönlichkeiten haben aber dann das Problem, ständig von neuen Reizen (“Oh, da ist was Neues, das muss ich gleich ausprobieren!”) übermannt zu werden. Das geht am Ende zu Lasten von Motivation und Fokus / Konzentration auf ein Gebiet.
  • Scannerpersönlichkeiten gibt es nicht, es wird aber als Phänomen im Alltag genannt. Das hat damit zu tun, dass wir Menschen es gut finden, Dingen Labels und Namen zu geben, weil es die “Verarbeitung” leichter macht. Das führt allerdings auch gleichzeitig zu einem Schwarz-Weiß-Denken und dazu, dass bestimmte Grautöne unter den Tisch fallen.
  • Was es in der Psychologie wirklich gibt, ist das Problem der multiplen Interessen. Das ist verwandt mit dem Bereich “Motivation” und dazu gibt es Forschungen. Dabei hat man herausgefunden, dass mit der größte Motivationskiller multiple Interessen sind, weil man den Fokus verliert, weniger Selbstbewusstsein hat und weniger Klarheit für sich selbst.
  • Für Niggehoff sind (die nicht vorhandenen) Scannerpersönlichkeiten einfach Menschen, die nicht den Mut haben, sich für eine Sache zu entscheiden und auch dabei zu bleiben. Menschen, die “nicht in der Lage sind, sich von bestimmten Hobbies, Ideen zu verabschieden und die auch radikal auszublenden.”
  • Quintessenz: Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es keine Scannerpersönlichkeiten, aber Personen mit multiplen Interessen. “Das ist eine Stärke, wenn du das hast, und gleichzeitig ist es wichtig, eine Entscheidung zu treffen und den Fokus auf ein, maximal zwei Sachen zu legen und das dann richtig zu machen. Das wird dir sehr viel inneren Stress, innere Unruhe ersparen, und eine Klarheit, die auch zu mehr Glück im Leben führt.”

Hm, ok, ich bin also ein Mythos und einfach ein Mensch, der Angst hat, sich zu entscheiden… Ich finde schon, dass Matthias Niggehoff damit recht hat, dass ein “Label” es einfacher für uns Menschen macht, sich irgendwo einzuordnen. Mir hat das Label “Scannerpersönlichkeit” geholfen, mich endlich besser zu verstehen und aufzuhören, nach der einen Berufung für mein Leben zu suchen, die es aber offenbar einfach nicht für mich gibt. Und das ist ok! Wenn also allein das Label dafür gesorgt hat, mit mir selber besser klar zu kommen, dann ist doch schon viel gewonnen 🙂

Womit ich bei Niggehoff’s Definition aber sehr hadere, sind vor allem zwei Dinge:

  • Ich finde es sehr eindimensional gedacht, eine Persönlichkeitsstruktur nur anhand eines einzigen Merkmals (fehlende Entscheidungsfreude) festzumachen.
  • Ich selber habe keine Angst vor Entscheidungen an sich, sondern viel mehr vor Langeweile!

Ich verstehe durchaus die Denkweise, dass es Scannerpersönlichkeiten aus wissenschaftlicher Sicht nicht gibt (oder einfach noch nicht?). Denn dafür müsste es ja verbindliche Kriterien geben, was eine Scannerpersönlichkeit ausmacht und was nicht. Aber wie Niggehoff schon treffend feststellt: Ein Label führt meist zu einem Schwarz-Weiß-Denken und vergisst dabei die ganzen Grautöne dazwischen. Ja, es ist schwierig einen Scanner konkret zu definieren und Kriterien festzulegen, anhand derer man einen “typischen Scanner” erkennt. Ich würde da in einem solchen “Test” möglicherweise nicht gut abschneiden bzw. nicht eindeutig der “Scanner-Liga” zugeordnet werden können. Ist ok, denn mir selber geht es gar nicht so sehr um die absolut saubere Einteilung und Kategorisierung “Du bist Scanner und du nicht!”. Ich finde durchaus, dass es Abstufungen und Nuancen gibt, bei denen das Label aber immer noch passt. Ich muss mir nur meinen Mann anschauen (oder auch viele Andere um mich herum), um zu erkennen, dass ich eben anders bin als Andere und mich nichts mehr langweilt, als mich mein Leben lang der gleichen Sache zu widmen.

Aber trotzdem widerspreche ich der Sache, dass Scanner einfach nur Menschen sind, die Angst vor Entscheidungen haben. Also dass dies das einzige Kriterium sein soll. Für mich gehört da noch mehr zu, z.B. eine natürliche Neugierde, Offenheit für Neues (was Niggehoff ja auch anspricht) und Ideenreichtum. Und, wie auch schon meine liebe “Scannerkollegin” und Freundin Annette Bauer in einem Blogbeitrag sagt: “ein sehr ausgeprägtes Verhältnis zur Langeweile.” Das ist es nämlich, was zumindest bei mir die größte Angst ist. Ich habe keine Angst, einen bestimmten Weg einzuschlagen, Dinge auszuprobieren und auch dabei zu bleiben. Ich habe alle meine Ausbildungen abgeschlossen, die ich angefangen habe und habe immer gute Jobs gehabt, die mich ernährt, teilweise aber nicht erfüllt haben. Ich kann also durchaus Dinge zu Ende bringen (was in meinen Augen ein Mythos ist, dass Scanner Dinge nie zu Ende bringen können). Aber was mir wirklich Angst macht, ist mein Leben lang (so fühlt es sich für mich zumindest an) an ein Thema gebunden zu sein. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, mein Leben lang der gleichen Tätigkeit nachzugehen und mich immer nur mit einer Sache zu befassen. Ich würde untergehen! Und ich persönlich finde das auch gar nicht schlimm, wenn man die Themen auch mal wechselt. Klar, ich gebe Niggehoff recht, wenn er sagt, dass man nicht ständig hin und her springen sollte. Das ist in der Tat eher schädlich. Aber er lässt in seiner Podcast-Folge völlig außer Acht, dass es auch einen Mittelweg gibt: die Integration unterschiedlicher Interessen. Warum muss ich mich nur auf eine Sache konzentrieren, wenn es auch die Möglichkeit gibt, unterschiedliche Interessen zu kombinieren bzw. aufeinander aufbauen zu lassen?

Ich nehme mich da gerne als Beispiel: Ich habe nach dem Abi mit einer Ausbildung zur Gestaltungstechnischen Assistentin angefangen und mich dort mit visueller Gestaltung beschäftigt. Danach habe ich ein duales Studium im Einzelhandel gemacht und einige Jahre im Einzelhandel und in der Gastronomie gearbeitet. Dann habe ich ein Studium der Kommunikationswissenschaften absolviert und anschließend noch einen Masterstudiengang in Social Media. Und jetzt gerade habe ich eine Yogalehrerausbildung begonnen.

Aus meiner 1. Ausbildung habe solide Kenntnisse in Bildgestaltung erworben, die mir heute noch an vielen Stellen helfen und die ich häufig anwende. In meiner Zeit im Einzelhandel und in der Gastronomie habe ich gelernt, was guter (oder auch schlechter) Kundenservice bedeutet. Auch das hat mir immer sehr geholfen, vor allem in meiner letzten Festanstellung bei NISSAN, bei der ich als Social Media Managerin auch viel mit Kundenservice zu tun hatte. Jetzt bin ich selbstständig als Facebook Marketing Beraterin, mache aber jetzt zusätzlich die Ausbildung zur Yogalehrerin. Ich weiß zwar jetzt noch nicht, ob ich hauptberuflich als Yogalehrerin arbeiten möchte, aber ich weiß definitiv, dass ich diese Ausbildung für mich beruflich nutzen möchte. Um in diesen Bereich einzusteigen, werden mir meine Facebook-/Social Media- und Marketing-Kenntnisse sowie meine Erfahrungen, ein eigenes Business aufzubauen, enorm helfen.

Integration statt Ausschluss! Das ist es, wofür ich plädiere! Klar kann man mir jetzt fehlende Entscheidungskraft unterstellen, wenn ich sage: Ich muss mich ja gar nicht entscheiden und will es auch nicht. Ich finde es viel viel wichtiger für Scanner, einen Weg zu finden, die verschiedenen Leidenschaften zu kombinieren und Interessen zu integrieren. Und einen Weg zu finden (da gebe ich Matthias Niggehoff recht!), Ideen und Hobbies auch loszulassen.

Ob man Menschen wie mich nun komplexe Persönlichkeiten nennt, Menschen mit multiplen Interessen, Vielbegabte, Scanner oder was auch immer, ist doch egal. Es gibt einfach Menschen, die anders sind und die sich nicht vorstellen können, ihr Leben lang das Gleiche zu machen. Vielfalt statt Einfalt! 😉 Und wenn ich als Scanner wissenschaftlich gesehen nur ein Mythos bin, ist das für mich auch in Ordnung. Ich bin so wie ich bin, da brauche ich keine Wissenschaftler, die mir sagen, was ich bin oder vielleicht auch nicht bin 🙂

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