Sind auf einmal alle Menschen Scanner?

Vor Kurzem stellte jemand in einer Facebook-Gruppe für Selbstständige die Frage, ob es in dieser Gruppe Scanner gibt und was das Scanner-Dasein für ihre Selbstständigkeit bedeutet. Im Laufe der Diskussion kam dann ein Kommentar auf, der irgendwie kommen musste: Sind wir nicht alle irgendwie Scanner, weil wir uns für unterschiedliche Dinge interessieren?

Man könnte auch fragen: Ist es nicht plötzlich chic, Scanner zu sein? Oder auch: Ist Scanner sein ein Trend? Man könnte es ehrlich gesagt vermuten, denn zumindest ich habe das Gefühl, dass das Thema mehr in den Blick der Öffentlichkeit gerät. Um es mit Klaus Wowereit’s Worten zu sagen: Und das ist auch gut so! Viel zu lange wurde das Thema ignoriert und versteckt, so dass Scanner immer das Gefühl hatten “Mit mir stimmt was nicht!”. Zugegeben: Dieses Gefühl haben die meisten Scanner immer noch, zumindest vor der Erkenntnis, dass man zu den Scannern gehört. Heutzutage ist es aber nicht mehr ganz so verpönt wie vorher, das auch offen zuzugeben. Natürlich erntet man immer noch verstörte Blicke, schaut in fragende Gesichter und bekommt gesagt “Du bringst ja nie was zu Ende.”. Ich denke, das wird sich auch so schnell nicht ändern, gibt es doch mehr Nicht-Scanner als Scanner auf dieser Welt. Dennoch merke ich, dass das Thema inzwischen häufiger auf den Tisch kommt und mehr darüber geredet wird.

Klar könnte man an dieser Stelle vielleicht von einem Trend reden – dann aber doch bitte von dem Trend, dass das Thema mehr auf der öffentlichen Agenda steht als früher. Aber nur, weil heute mehr darüber geredet wird, gibt es nicht unbedingt mehr Scanner bzw. ist nicht automatisch jeder ein Scanner, der sich für viele Dinge interessiert. Es ist so ein bisschen das Henne-Ei-Problem: Gibt es heute mehr Scanner und wird das Thema deswegen mehr diskutiert oder ist es einfach nicht mehr so verpönt darüber zu reden, weswegen sich immer mehr Scanner trauen, damit nach draußen zu gehen? Jetzt müsste ich mal eine Statistik haben…. Ich denke aber, es ist eher letzteres.

Dennoch habe ich das Gefühl, dass sich manchmal auch Nicht-Scanner gerne als Scanner sehen würden, was man durchaus auch als Trend sehen kann. Auch wenn ich beim letzten Mal festgestellt habe, dass ich vielleicht auch nicht zu den Vollblut-Scannern gehöre, so sehe ich doch klare Unterschiede zu Nicht-Scannern mit vielen Interessen. Was z.B. bei mir mein Scanner-Sein ausmacht, ist gar nicht mal so sehr, dass ich mich für unendlich viele Themen interessiere. Es gibt bestimmte Themenbereiche, die ich spannend finde und in deren Rahmen ich alles Mögliche wissen will. Aber das Thema Mathematik oder Finanzen oder Pflanzenzucht oder Bauernhof (das ist eine absolut zufällige und nicht logisch aufgebaute Auflistung!) interessiert mich null! Ich finde eindeutig NICHT alles spannend. Bin ich deswegen kein Scanner? Doch! Denn was ich viel wichtiger finde, ist der Faktor Langeweile bzw. Abwechslung. Wenn ich mich zu lange mit etwas befasse (wobei “zu lange” ein schwammiger Begriff ist, denn es können Tage, Wochen oder auch Monate sein, je nachdem), verliere ich meist irgendwann das Interesse bzw. beginne, mich zu langweilen. Statt immer mehr ins Thema einzutauchen (wie es die “Taucher”, also der Gegenpart zu den Scannern, eben tut), gehe ich lieber zum nächsten Thema über, auch wenn es vielleicht verwandt ist. Beispiel: Ich kann nähen und habe keine Lust mehr darauf, möchte mich aber nun mit dem Stricken beschäftigen.

Ich brauche einfach eine gewisse Abwechslung, denn Routine und Langeweile sind tödlich für mich. Also nicht vollkommen, denn im gewissen Maße schätze ich Routinen, z.B. wenn es um die Struktur meines Arbeitsalltags geht (eine Runde Yoga oder Meditation vor dem Start des Arbeitstages). Aber was ich nicht mag, ist, die immer gleichen Dinge zu tun. Ich bin eine “Erforscherin”, jemand, der ständig nach neuem Input lechzt, immer wieder Impulse braucht, um den eigenen Blickwinkel zu ändern, Neues zu erfahren und kreativ sein zu können. Deswegen liebe ich das Reisen so sehr, denn man stößt immer wieder auf was Neues. Ich kann mir dabei allerdings nicht vorstellen, immer wieder den gleichen Ort zu besuchen. Es muss halt auch da Abwechslung her. Gut, New York könnte ich mir immer wieder anschauen, denn an diese Stadt habe ich einfach mein Herz verloren. Trotzdem könnte ich mir unter keinen Umständen vorstellen, jedes Jahr dort meinen Urlaub zu verbringen. Das wäre mir einfach zu langweilig! Andere Leute hingegen lieben es, jedes Jahr den gleichen Urlaubsort aufzusuchen, was mich nur milde zum Gähnen bringt.

Was mir außerdem völlig abgeht, ist “die EINE Bestimmung” im Leben, das eine große Talent oder auch der eine Berufswunsch für mein Leben. Ich kenne genug Leute, die schon im Kindesalter wussten, was sie werden wollten und sind es dann auch geworden. Oder genug Leute, die ein, vielleicht zwei Ausbildungen gemacht haben und dann ihr Leben lang in diesem Berufszweig bleiben, möglicherweise sogar bei einer Firma. Das sind die Leute, die ihr Element gefunden haben und darin bleiben. Ich hingegen habe das nicht. Das einzige, was ich schon als Kind wusste, war, dass ich Abi machen möchte. Ich kann durchaus zielstrebig sein, wenn ich ein Ziel vor Augen habe und etwas wirklich machen will. Aber ich gehöre nicht zu den Leuten, die dann mit dem, was sie erreicht haben, ein Leben lang weiterarbeiten. Wenn ich ein Ziel erreicht habe und es interessiert mich dann nicht mehr, dann gehe ich eben zum nächsten über. Ich kenne es für mich einfach nicht, dass ich den Wunsch habe, mein Leben lang mehr oder weniger das Gleiche zu tun. Wie ich letztes Mal schon geschrieben habe, kann ich mir einfach nicht vorstellen, in 5 Jahren noch Beratungen zu Facebook zu geben. So wie ich mir vor einigen Jahren nicht vorstellen konnte, mein Leben lang bei Starbucks hinter der Theke zu stehen. Oder Schuhe in einem Schuhgeschäft zu verkaufen. Oder Layouts und Grafiken in einer Design-Agentur zu machen. (Das waren übrigens alles Jobs, die ich wirklich gemacht habe) Ich habe noch so viele Ideen und Wünsche und wenn es nach mir ginge, könnte ich mein Leben lang an der Uni studieren, weil es da so viele spannende Fächer gibt (wenn es da nur die blöden Prüfungen nicht gäbe, die ich so unglaublich doof finde). Und ich denke, DAS ist einer der Hauptunterscheidungen zwischen einem Scanner und einem Taucher, dem nichts mehr Spaß macht, als in sein Thema ganz tief einzutauchen, alles darüber zu wissen, was es zu wissen gibt und sich das ganze Leben lang damit zu beschäftigen.

Nein, nicht jeder, der unterschiedliche Interessen hat, ist automatisch ein Scanner! Und nicht jeder Scanner, der sich längere Zeit oder vielleicht tatsächlich ein Leben lang mit einem Thema befasst, ist nur ein “halber” oder gar kein Scanner. Es ist in meinen Augen kein Trend, Scanner zu sein, auch wenn manche Leute sicher auf diesen Zug aufsteigen, um exotisch zu sein. Scanner gab es schon immer, aber heute kommen sie mehr ans Licht. Aber nur, weil man sich für unterschiedliche Dinge interessiert, ist man nicht gleich ein Scanner! Oder was meinst du dazu?

Übrigens hat meine Liebe Freundin Annette Bauer, die auch Scannerin ist, letzte Woche einen ähnlichen Artikel verfasst, den ich sehr gut finde und der mich dazu inspiriert hat, meine Gedanken zu diesem Thema ebenfalls aufzuschreiben.

Ich wünsche dir eine bunte Zeit!

Liebe Grüße
Deine Claire

One thought on “Sind auf einmal alle Menschen Scanner?

  1. Ach! Wir sind also Scanner. Meinetwegen.
    Vielleicht sind wir auch einfach nur Philosophen. In der ursprünglichen Bedeutung des Wortes: zusammengesetzt aus “Philo” – ich liebe, und “Sophia” – die Weisheit, was ja nicht bedeutet, ich bin im Besitz der allein seelig machenden Wahrheit, sondern, ich bin ständig auf der Suche.

    Was suchen wir Scanner denn?
    Das, was die Welt im Innersten zusammenhält, wie Goethes Faust es formulierte?
    Da ist eine tief verborgene Wahrheit hinter allen Erscheinungen, Tätigkeiten, Gedanken und Möglichkeiten. Mechanismen und Prinzipien, die allem, was ist, zugrunde liegen.
    Scanner folgen ihrer Spur, indem sie versuchen, vielen verschiedenen Sachen auf den Grund zu gehen. Sie sind auf der Suche nach der Essenz.

    Zumindest trifft das auf mich zu. Bei jedem neuen Gebiet, mit dem ich mich befasse, versuche ich, die neu gewonnen Erkenntnisse so in Bezug zu meinem bisherigen Wissen zu setzen, das etwas Grundsätzliches sichtbar wird.

    Das ist natürlich nur möglich, weil es echte Experten gibt, die die Geduld haben, sich ein ganzes Leben lang mit einem Fachgebiet zu befassen und so sehr tief in die Materie eindringen.
    Wenn sie dann populärwissenschaftliche Bücher darüber schreiben, die ich mit meiner universellen Halbbildung verstehen kann, greife ich das gierig auf und integriere es in mein eigenes Weltbild.

    Das Selbe mit Tätigkeiten, Hobbys, oder Jobs.
    Auch abgebrochene Studiengänge und Ausbildungen gehören dazu.
    Nachdem ich ein paar Semester Philosophie studiert und gelernt hatte, wie man Texte liest und worum es bei der philosophischen Wissenschaft geht, interessierten mich die weiterführenden Einzelheiten nicht mehr so. Ich sagte mir: “OK, ich weiß jetzt genug, um mich bei Interesse selbst in einen philosophischen Text vertiefen zu können und um aus meiner Lebenserfahrung mit Denk-Disziplin belastbare Schlüsse ziehen zu können.”

    Danke für diesen Blog.
    Es ist schön, dass endlich mal jemand eine Lanze für uns bricht.
    Wir dürfen so sein.
    Wir sind sogar nützlich, denn wir können den interdisziplinären Austausch fördern und moderieren.

    Vielleicht sind wir Scanner auch eigentlich die wahren Taucher, denn die Trennung der Welt in unterschiedliche Fachbereiche und Jobs ist künstlich.
    Ist ein Stein ein Schmuckstück, ein Symbol, eine Waffe oder ein Baustoff?
    Gehört er ins Reich der Physik, oder Chemie, der Sozialkunde oder der Kunst?

    Dann wären wir Essenz Taucher. Gefällt Euch das?

    Herzliche Grüße, Lita

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