Spiritualität ist nichts für mich! Oder doch?

Jeder, der mich kennt, weiß, wie anti-religiös ich bin. Ich war zwar früher mal Messdienerin und bin als Kind regelmäßig in die Kirche gegangen. Aber mit ca. 13 Jahren bin ich vor allem der Kirche als Institution und auch der Religion an sich abtrünnig geworden. Mir war das alles zu dogmatisch und “einengend”. Ich habe mich dort einfach nicht (mehr) wohl gefühlt und den Sinn dahinter nicht mehr erkannt. Außerdem war ich schon immer ein Langschläfer und wollte sonntags nicht früh aufstehen, um zur Kirche zu gehen 😉

Je älter ich wurde, umso ablehnender wurde meine Haltung der Kirche, aber auch der Religion allgemein gegenüber. Denn wenn ich sehe, was im Namen der Religion auf dieser Welt alles passiert (und nicht erst heute, sondern immer schon), dann wird mir mehr als nur schlecht! Klar, an sich muss man differenzieren zwischen der Religion an sich und deren Institutionalisierung (= Kirche) bzw. das, was die Menschen aus der Religion machen. Dennoch ist das eine für mich von dem anderen nicht wirklich zu trennen.

An sich kann ich allen Religionen etwas abgewinnen, zumindest was die meist positive Grundhaltung angeht (wobei es da ja auch Ausnahmen in manchen Schriften gibt, aber das lasse ich mal außen vor). Zum Beispiel die christliche Nächstenliebe finde ich alles andere als schlecht. Aber wie gesagt: Mir geht es vor allem darum, was die Menschen aus den Religionen machen und wozu sie sie missbrauchen. Daher gehe ich innerlich immer sofort in eine blockierende Haltung, wenn es um Religion und damit auch um Spiritualität geht. Für mich gehörten Spiritualität und Religion immer untrennbar zusammen, so dass ich jeden esoterischen oder spirituellen Hauch in meinem Leben immer gleich vollständig abgeblockt habe (vor allem innerlich).

Nun ist es aber so, dass ich seit einigen Jahre Yoga praktiziere. Ich bin durch meine Schwangerschaft dazu gekommen und nach einer kleinen Pause durch die Geburt bin ich ein paar Monate später wieder eingestiegen und seitdem dabei geblieben. Vor einigen Monaten habe ich auch mit Meditation angefangen, was für mich noch einmal “eine Stufe höher” geht. Zusätzlich habe ich jetzt im März eine Yogalehrer-Ausbildung angefangen, in der der Fokus stark auf dem Thema Achtsamkeit und Stressmanagement liegt.

Wenn man Yoga praktiziert und meditiert, kommt man am Thema Spiritualität nicht vorbei. Denn ohne sich zumindest ein ganz kleines bisschen darauf einzulassen, wird es doch schwer. Nach wie vor sorgt ein zu extremes Abheben in “andere Sphären” bei mir für ein komische Gefühl, aber ich merke, dass meine vollständig ablehnende Haltung, die ich die letzten 20 Jahre hatte, Risse bekommen hat.

Dabei ist es nicht so, dass sich meine Haltung der Kirche gegenüber gewandelt hätte (wobei ich zugeben muss, dass Papst Franziskus einen sehr guten Job macht, indem er versucht, die Kirche etwas zu modernisieren). Ich sehe die Institution Kirche nach wie vor mehr als kritisch und ich glaube nicht, dass ich jemals wieder Zugang dazu finden werde. Aber ich habe gemerkt, dass ich mich dem Gedanken einer Art höheren Macht mehr geöffnet habe.

Es war nie so, dass ich dieses “Konstrukt” einer höheren Macht vollständig abgelehnt hätte. Ich hatte durchaus in meinem Leben manchmal das Gefühl, dass es so etwas wie “Schicksal”, (glückliche) Fügung oder was auch immer gibt. Und dass es auch so etwas wie den höheren Sinn gibt. Aber wie gesagt, war bei mir die Verknüpfung meist automatisch zur Kirche gegeben, die ich aber ablehn(t)e.

Dabei ist Spiritualität gar nicht exklusiv eine Sache, die mit Religionen verbunden ist. Laut dieser Definition ist die Religionszugehörigkeit nämlich gar nicht nötig und inzwischen sehe ich das genauso. Ich habe vor Kurzem ein tolles Buch gelesen: Ethik ist wichtiger als Religion. In diesem Buch erklärt der Dalai Lama, warum eine bestimmte Ethik auf dieser Welt im Vordergrund stehen sollte und nicht die Religionen. Er betont, dass die Religionen sogar teilweise große Schäden auf dieser Welt anrichten und den Menschen eher wegführen von einem positiven Menschenbild und Toleranz. Er plädiert vielmehr dafür, dass wir uns alle auf das Menschsein und unsere Gemeinsamkeiten besinnen sollten als auf die Unterschiede, die durch die verschiedenen Religionen meist automatisch in den Vordergrund treten.

HALLO? Genau DAS, was ich für mich seit Jahren vertrete, hervorragend zusammengefasst in einem kleinen, aber feinen Buch (ich kann nur Jedem empfehlen, es zu lesen. Es ist ein absolutes Juwel!) – und das von einem DER Religions-Oberhaupte dieser Welt! Eine in meinen Augen sehr angenehme Weltanschauung!

Mir zeigt das einfach nur, dass Spiritualität in der Tat nichts mit Religion und schon gar nichts mit Kirche zu tun haben muss. Ich MUSS nicht an den einen Gott oder was auch immer glauben und nicht in die Kirche gehen, um spirituell zu sein (wenn schon der Dalai Lama sagt, dass dies überhaupt nicht notwendig ist). Es reicht vollkommen aus, achtsam durchs Leben zu gehen, sich selbst und andere Lebewesen anzunehmen und ihnen mit Wohlwollen zu begegnen. Ja, ich weiß, schwieriges Unterfangen. Aber seit ich Yoga mache und erst recht seit ich meditiere, fällt mir genau das wesentlich leichter. Ich habe immer mal schlechte Tage, in denen ich alles kacke finde, meine Kinder anschnauze und mir selber mit meiner schlechten Laune auf den Keks gehe. Aber der Unterschied zu vorher ist, dass ich inzwischen besser in mich hineinspüren kann, was los ist und allgemein mehr darauf achte, wie ich anderen Menschen begegne. Das hat zwar jetzt eher was mit Achtsamkeit als mit Spiritualität zu tun, aber dennoch sind beide Dinge für mich eng miteinander verknüpft. Denn bei Spiritualität geht es darum, den höheren Lebenssinn zu erforschen, sich ihm anzunähern und danach zu leben. Ohne sich selbst zu kennen und wahrzunehmen, was im eigenen Leben passiert, sprich: ohne Achtsamkeit ist das nicht möglich!

Die Welt der Achtsamkeit und somit indirekt auch der Spiritualität hat sich mir also durch Yoga und neuerdings eben auch durch die Meditation eröffnet. Ich denke nicht, dass ich jemals allzu sehr “in höhere Sphären” abdriften werde – dafür bin ich einfach zu bodenständig. Aber sich zu öffnen und den höheren Lebenssinn zu erforschen, ist durchaus eine spannende “Aufgabe”. Und ich bin mir sicher, dass ich jetzt, wo ich die Yogalehrer-Ausbildung mache, einen Weg angefangen habe zu beschreiten, der mich bei der “Lösung” dieser “Aufgabe” sehr unterstützen wird. Vielleicht werde ich auch nie einen höheren Lebenssinn für mich herausfinden. Ich werde also möglicherweise nie “mein Ziel erreichen”. Aber darum geht es mir auch gar nicht. Es geht mir vielmehr darum, mein Leben im Einklang mit meinen Zielen, Werten und Vorstellungen zu leben und danach zu handeln. Yoga und Meditation sowie Achtsamkeit und ein gewisses Maß an Spiritualität werden mir dabei in jedem Fall hilfreiche Begleiter sein.

In diesem Sinne: Om Shanti!

Ich wünsche dir eine bunte Zeit!
Claire

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